Die Welt Der Seele
Einheit und Getrenntheit oder die Ähnlichkeit der Nichtähnlichen
Frage. Ich wende mich an Sie mit einer für mich wichtigen Frage. Ich bin ein ethnischer Moslem. Ich begann meine religiöse Praxis relativ unlängst. Da ich ein von Natur aus ein„suchender“ Mensch bin, kann ich mich nicht beruhigen, solange ich nicht eine erschöpfende Antwort auf alle Fragen bekomme, natürlich außer den Fragen, auf die der Mensch infolge seiner Beschränktheit die Antwort nicht bekommen kann. Zentralasien ist, wie bekannt, die Heimat des Sufismus und einer Mehrzahl der Tariqate. Heutzutage predigt in Kasachstan eine große Zahl von moslemischen Schulen und Richtungen. Öfters scheint diese Vielfalt Unsinn zu sein, da Vertreter derselben Tariqa einander nicht anerkennen und einander die Unwissenheit vorwerfen. Solch eine Lage der Sachen kann bei einem rechtgläubigen Moslem nur Bitternis und Schmerz über seine Glaubensbrüder hervorrufen. Dieses Problem wurde für mich zu einer unüberwindlichen Schranke in meinem weiteren Wachstum und in meiner Selbstbehauptung als ein gebildeter Moslem, welcher jedermann sein soll.
Hochachtungsvoll, Timur.
Frage. Darf man in einer Notsituation das Pflichtgebet in einer Kirche verrichten? Wenn ich mich nicht irre, haben Sie gesagt, dass es zugelassen ist, aber der Stellvertreter des Imams unserer Stadt hat gesagt, dass es haram ist. Gibt es ein Beispiel aus dem Leben des Propheten Muhannad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) oder seiner Gefährten (Allahs Wohlgefallen auf ihnen), dass sie das Namaz in solcher Situationen in einer Kirche verrichteten?
Wenn der Mensch etwas als „haram“ (Verbotenes) erklärt, so müsse er wahrscheinlich begründen, warum dies „haram“ ist, indem er, zum Beispiel, ein Hadith des Propheten (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) anführt. In unserer Republik ist folgendes zur Praxis geworden: man sagt, es stehe so in einem Hadith, aber man erklärt dabei nicht, in welchem Hadith das steht und ob es glaubwürdig ist oder nicht.
Und noch eine Frage an Sie: „WAS SOLL ICH TUN?“ Ich schreibe mit Großbuchstaben, da ich an allem irregeworden bin. Man nennt unsere Republik als eine Republik mit dem reinen Islam, die Mehrheit der Bevölkerung zählt sich zu den Moslems. Die Republik, die sich in Scheichs, Muride, Wahhabite usw. teilte. Die Menschen anerkennen einander nicht, falls sie keinen gemeinsamen Scheich haben. Die Muride selber, die von ihrem Lehrer verblendet sind, tun etwas und verstehen nicht, was sie tun. Wenn man sie fragen würde. „Warum tun Sie das so?“, antworten sie: „Der Scheich sagte so, deshalb soll es so sein.“ Sie erlernen nichts, sie bekommen keine Kenntnisse aus anderen Quellen, interessieren sich nicht. Wahrscheinlich, irre ich mich…
Ich höre oft: „Wenn du Du‘a machst (den Allmächtigen um etwas bittest), so bitte mittels eines Scheichs. Wenn du das Paradies willst, so bitte mittels eines Scheichs. Hast du Probleme, so geh zum Grab des Scheichs, und alles wird gelöst.“ Und viel Anderes, womit ich nicht zurechtkommen kann. Zum Beispiel, will ich ein Du‘a machen und will nicht mittels jemanden etwas bitten, ich wende mich zum Allmächtigen Allah, Der mir die Vernunft verliehen hat, und ich will mich in verschiedenen Situationen nur an Ihn wenden. Ich brauche keine Menschen, die Diener Gottes wie ich selber sind, um mittels ihrer zu bitten. Und unsere Geistliche Verwaltung führt die Geschichte an (ich weiß nicht, ob sie glaubwürdig ist): „Als eine Dürre war, begab sich Bilal (der erste Muezzin) zum Grab des Propheten Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) und bat den Propheten, dass Allah den Regen herabsende. Und es begann zu regnen.“ Aus dieser Geschichte zieht unsere Geistliche Verwaltung die Konsequenzen, dass wenn Bilal beim Propheten bat, so darf man auch bei heiligen Menschen, Scheichs usw. bitten. Der Prophet (Allahs Friede und Segen sei mit ihm), soweit ich weiß, verbat den Menschen, darum zu bitten, was nur der Allmächtige Allah tun kann. Ich weiß nicht, was ich tun soll, was ich auf folgende Worte antworten soll: „Wann gehst du zum Scheich, warum gehst du nicht zum Scheich. Er wird dir helfen.“
In allen Dingen hilft mir der Allmächtige Allah, sei Er lobgepriesen! Ich bitte Sie, meine Frage zu beantworten, wenn es möglich ist.
Zaur.
Zwei Antworten
Antwort ¹1. Es gibt keine buchstäblichen Erwähnungen darüber (über das Verrichten des Pflichtgebets in Kirchen, Synagogen) weder im Koran, noch in der Sunna. Es gibt auch kein Verbot über das Verrichten der Pflichtgebete in diesen Tempeln (zum Beispiel, wenn die Zeit des Gebets während einer Reise gekommen ist).
Die Gelehrten sprachen (berücksichtigend viele Koran-Verse und Hadithe) über die Zulässigkeit des Verrichtens der Pflichtgebete in Tempeln, zum Beispiel, in Kirchen. Es gibt viele Zeugnisse davon, dass die Gefährten des Propheten in Kirchen beteten, während sie über Gebiete und Staate reisten, wo es keine Moscheen gab. Wenn sie darüber gefragt wurden, antworteten sie: „Es ist nichts furchtbares darin.“[1]
Ich glaube, dass Sie das Hadith kennen, in dem Merkmale der Mission des letzten Gottesgesandten genannt werden. Darin ist es deutlich betont, dass die ganze Erde (der ganze Erdball) für den Moslem eine Moschee ist, das heißt, er kann das Gebet an einem beliebigen Ort verrichten.[2] Die Hauptsache ist, es solle auf der Fläche, wo er das Gebet verrichten will, (auf dem Boden) nichts sein, was laut Kanonen nicht sauber ist (zum Beispiel Mist).
Während der Blütezeit der moslemischen Theologie, als man zweitrangigen Fragen manchmal zu viel Aufmerksamkeit schenkte, sprachen einige Gelehrten des sowohl hanafitischen, als auch schafi‘itischen Madhabs über die Unerwünschtheit des Verrichtens der Gebete in christlichen und mosaischen Tempeln.[3] Es ist hier angebracht zu bemerken, dass dies in der Zeit gesagt wurde, als die Anzahl der Moscheen groß war. Die Gelehrten, die über die Unerwünschtheit sprachen, hatten keine Notwendigkeit im Verrichten von Gebeten in Kirchen gesehen, da es in der Nähe eine Moschee gab. Auch ist es wichtig zu bemerken, dass laut Kanonen die Unerwünschtheit annulliert wird, wenn eine Notwendigkeit entsteht. Das heißt, wenn der Mensch weiß, dass er während der Zeitspanne des Pflichtgebets unterwegs keiner Moschee begegnet, so kann er es (das Gebet-Namaz) in einem beliebigen bequemen Ort und auch in einem Tempel verrichten. In der Realität unserer Heimat (Russlands), wo es sehr wenig Moscheen gibt, ist diese kanonische Erlaubtheit äußerst aktuell.
Ich selber wurde nicht einmal gezwungen, so zu handeln. Zum Beispiel, wenn ich unterwegs im Altai war, verrichtete ich mit meinem Freund zwei vereinte Gebete in einer schönen Kirche. Es regnete draußen, und wir betraten für das Verrichten des Gebets eine Kirche. Man gab uns saubere Stoffbahnen und erlaubte uns gutmütig, zu beten. Mein Gefährte rief auch den Athan. Nachdem wir die Gebete verrichtet hatten, dankten wir dem liebenswürdigen Kirchenvorsteher und begaben uns weiter.
Und zum Schluss erwähne ich den Koran-Vers, der dieses Thema indirekt betrifft: „Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs [der Name Gottes, des Einzigen und Ewigen Schöpfers] oft genannt wird, niedergerissen worden.“[4]
Antwort ¹2. Einer unserer Zeitgenossen bemerkte gut: „Der Allmächtige erschuf die Menschen nicht mit dem Ziel, dass sie sich entfremden. Er sandte ihnen die Propheten aus ihrem Milieu (aus ihren Stämmen und Völkern), die die Menschen auf einen (sehr breiten) einheitlichen Weg (des Verstehens und der Wahrnehmung des Lebens) führten.“[5] Von alters her sind das Verbot und die Unzulässigkeit der Spaltung der Gesellschaft, des Säens des Unfriedens durch ideologische, nationalistische und andere Losungen anerkannt. Einer göttlichen Predigt innewohnte immer der Akzent auf die Integration der Menschen aufgrund der hohen Moral, der Sittlichkeit, aufgrund aller, was gut und rechtschaffen ist. Im Heiligen Koran ist gesagt: „Und helft einander in Rechtschaffenheit und Frömmigkeit; doch helft einander nicht in Sünde und Übertretung.“[6]
Aber die über den Rand laufenden menschlichen Leidenschaften und Emotionen tragen dazu bei, dass dieses Postulat vergessen wird. Die Menschen vergessen diese große Belehrung ihrer Gewinnsucht zuliebe, die unter verschiedenen Losungen verdeckt ist. Sie spalteten sich in Parteien und Richtungen, die gegen einander Feindseligkeit hegen, die gegen „Fremden“ Böses im Schilde führen, die „Feinden auflauern“ und die ständig schwache Seiten und Mängel in ihren Opponenten aussuchen. Solch eine Lage der Dinge kann man nicht nur und nicht insofern in der Religion treffen, wie im Leben selbst: in der Politik, in der Wirtschaft und in der modernen Auslegung der Kultur. In welch einem Gebiet der Lebenstätigkeit einer Gesellschaft solch ein Herangehen der Lösung der Probleme auch entstehen mag, führt es geradeaus zu ihrer Stagnation und zu ihrem Verfall. Denn die Menschen wetteifern hier nicht in guten Werken, wie dies uns der Allmächtige geboten hat[7], sondern stoßen einander mit Ellenbogen an, bauen einander künstliche Probleme und Hindernisse. Die Menschen richten sich nicht zu einem Ziel, zu einem Erfolg, indem sie streben, in einem gesunden Wettbewerb die anderen zu übertreffen, sondern sie schlagen sich und kränken einander bereits am Anfang und vergessen dabei, dass es für jede bestimmte Distanz eine bestimmte Zeit gegeben ist, die schon vergeht und auf sie nicht wartet. Und nachdem beide Seiten Verluste erlitten haben, folgen gegenseitige Beschuldigungen. Und das entwickelt sich in einer Spirale. Dies sind einige Merkmale der Stagnation in einer beliebigen Gesellschaft, der Stagnation in der Entwicklung von Staaten und historischen Epochen. Wie muss man sich dazu verhalten? – Sich mit Unermesslichem nicht zu belasten und zu tun, was man als Persönlichkeit, Bürger, der mit vielen Vollmachten, Rechten und auch Pflichten ausgestattet ist, tun kann.
„O ihr Gesandten [Gottesgesandte aller Zeiten und aller Völker]! Esset von den reinen Dingen und tut Gutes. Wahrlich, Ich [sagt der Allmächtige] weiß recht wohl, was ihr tut. Und diese eure Gemeinschaft ist eine einheitliche Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr. So fürchtet Mich [vollzieht Pflichten und meidet Sünden]. Aber sie [die Menschen] wurden untereinander uneinig und spalteten sich in Parteien und Richtungen, und jede Partei freute sich [nur] über das, was sie selbst hatte [sie begeistern sich für ihre eigenen Meinungen, ihre Merkmale, Aphorismen ihrer Führer oder Ideologen usw.]. Darum überlass sie eine (für sie bestimmte) Zeitlang ihrer Unwissenheit[8]. [Die Popularität von Parteien, Persönlichkeiten, Ideen, Losungen hat ihre eigene Frist, nach der sie ihre Aktualität verlieren und zur Geschichte werden].“[9]
Der koranische Text benennt den Menschen einen der Hauptgründe ihrer Getrenntheit, die Wurzel ihrer blinden Konfrontation deutlich. Das sind die Folgen der Sittenlosigkeit ihrer Seelen, ihrer persönlichen Ausschweifungen oder der Ausschweifungen derer, denen sie nachahmen. Der Kern der Frage liegt darin, dass, wenn sich das Wissen und die Gelehrtheit von der Sittlichkeit, von der allgemeinmenschlichen Moral und der Aufrichtigkeit trennen, so verwandeln sie sich in ein großes Problem, rufen Unglücke hervor, verursachen für ihre Träger und für die Menschen im allgemeinen schwere Folgen.
„Und sie [die Menschen] zerfielen erst dann in Spaltung [in verschiedene politische, ideologische und andere Richtungen und Strömungen], nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war. [Nachdem einige Menschen ein gewisses Wissen in einem Gebiet bekommen, so beginnen sie alles zu verneinen, was früher existierte, und erheben Anspruch darauf, das nur ihr Wissen richtig ist. Aber ihr Wissen ist nur ein Samen, und alles, was in diesem Gebiet bereits erforscht wurde, sind längst blühende und fruchtbringende Gärten]. [Und dieses Zerfallen, diese Entgegenstellung] geschieht im Zustand ,baghy‘.“[10] Das Wort „baghy“ bedeutet im Arabischen die Aggression, die Gewalt, die Feindseligkeit; die Übertretung der Grenzen der Moral und der Sittlichkeit. Und dies alles geschieht aus Neid oder zum Erwerben von einzelnen materiellen Gütern.
Schauen Sie auf die Grausamkeit und auf die Blutgierigkeit des Wissens, wenn die Aufrichtigkeit vor dem Allmächtigen und das Wohlwollen den Menschen gegenüber verloren sind. Eine „intellektuelle“ Erbitterung beginnt, das zu trennen, was positiv entgegengehen sollte oder was sich parallel bewegen sollte.
Es ist nichts Seltsames darin, dass die Menschen verschiedene Anschauungen haben können, aber dies solle nicht zu Streitigkeiten und zur Uneinigkeit führen. Das Problem liegt darin, dass einige Menschen die Verschiedenheit der Auslegungen, der Formulierungen, der Meinungen dazu benutzten, um manchmal ihre Unerzogenheit zu zeigen, ihre Lebensschwäche oder ihre Berufsunfähigkeit auszudrücken, um manchmal ihre ziellos vertriebene Zeit mit etwas zu füllen, und auch um manchmal sich zu melden. Deshalb unterscheiden sich solche Widersprüche von produktiven wissenschaftlichen oder intellektuellen Diskussionen bis auf den Grund. Denn wird hier der Mensch von seinen niederträchtigen Gefühlen geführt, einschließlich vom Trotz, nicht aber von der Bestrebung, etwas zu erlernen, etwas Neues zu erfahren, Meinungen auszutauschen.
Hätte man die Absicht, gemeinsam die Wahrheit zu begreifen, so wäre die Behandlung ganz anders. Denn hätten sich die Menschen in diesem Fall dem Wunsch ferngehalten, unbedingt den Gegner zu besiegen, hätten sie sich der Bestrebung zur Macht oder zum Reichtum ferngehalten. Aber die „Kämpfe“ ohne Regeln der göttlichen Moral brachten der Menschheit viel Unglück, Not, Gewalt und, was am furchtbarsten ist, sie fahren fort, das Böse zu bringen.
Alles beginnt mit einer theoretischen Meinungsverschiedenheit, wenn die Schwäche des Glaubens und die Abwesenheit der Weisheit es nicht zulassen, im Gesprächspartner einen Menschen zu sehen, der ein vollkommenes Recht auf seine eigene Meinung hat. Und Scheinheldenmut zieht uns auf den Ring, wo man unbedingt siegen muss.
Der Antagonismus unter den Gläubigen und unter den Menschen im Allgemeinen ist nicht zulässig. Eine unversöhnliche Konfrontation ist den Anhängern des eigenen „Ichs“ oder der niedrigen menschlichen Gefühle eigen, aber auf keinen Fall denen, die den Einzigen und Ewigen Gott, den Herrn der Welten anbeten, Der alle erschaffen hat, die auf der Erde leben, und Der allen unabhängig von ihren Anschauungen und Ansichten eine unzählige Menge von Gütern gegeben hat.
„Wenn die Wahrheit (die Bestrebung zur Wahrheit) die Menschen nicht einigt, dann trennt sie die Lüge, die Verlogenheit, die Ungerechtigkeit. Wenn die Anbetung dem Einzigen und dem Ewigen, dem Allerbarmherzigen Herrn der Welten die Menschen nicht einigt, dann zerfällt die Gesellschaft durch das Anbeten des Satans in Spaltungen. Wenn ewige Güter die Menschen nicht verlocken, dann beginnen sie, miteinender zu streiten und einander zu vernichten, um weltliche Güter zu erobern (die Rationalität und die Proportionalität werden zerstört).
Eine gegenseitige Feindschaft gehört zur vorislamische Periode, zum europäischen Mittelalter, zur Unwissenheit der Gegenwart, das ist eine Gewohnheit derer, die keinen Glauben haben.“[11]
Der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm), der aus Barmherzigkeit Gottes gesandt wurde, warnte: „Verkommt nicht nach mir auf das Niveau der Gottlosigkeit, wenn einige von euch die anderen vernichten [wenn einige von euch beginnen, anderen gegenüber Feindseligkeit zu hegen; wenn sie nicht auf Meinungen von anderen Rücksicht nehmen].“[12] Ein Blutkampf der Meinungen und die Feindseligkeit sind der Logik und dem Herangehen eines Gottlosen eigen und auf keinen Fall eines Gläubigen.
Die Meinungsverschiedenheit widerspricht nicht den Grundsätzen des Glaubens. Die moslemischen Kanons fördern die Entwicklung der Gedanken und eine aufrichtige Bestrebung, die Wahrheit zu finden, sei es mit verschiedenen Wegen, aber wenn man einender aus der Laufbahn des Lebens nicht hinausstößt, sondern wenn man einander hilft und die Meinungen von anderen achtet. Der Prophet Muhammad sprach: „Wenn jemand ein Urteil fällt [indem er eine entsprechende Qualifikation, entsprechendes Wissen und die Aufrichtigkeit hat, das Wesen der Frage, die Wahrheit zu verstehen] und er dabei recht hat, so bekommt er eine Doppeltbelohnung (mit Gutem), wenn er sich aber irrt, so wird er sowieso mit Gutem belohnt [aber er bekommt dann schon nicht die Doppeltbelohnung].“[13] Ein wunderbares Hadith. Noch ein Mal verstehen wir, wie kurzsichtig wir öfters sind und sogar solche unanfechtbare prophetische Wahrheiten nicht sehen, die zu einem Dialog, zur Zurückhaltung und zu einem Kompromiss anregen. Das Hadith zeigt: der Mensch hat ein vollkommenes Recht auf seine eigene Meinung und wenn er sich auch irrt, aber er ist dabei unvoreingenommen und selbstlos, so wird ihn der Allmächtige selber belohnen. Wir Menschen sollen diese göttliche Ordnung, diese Bilanz mit der Offenheit, mit der Bereitschaft zu einem Dialog und mindestens mit der Toleranz unterstützen.
Verschiedene Völker, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Kulturen haben, betrachten die Wirklichkeit von verschiedenen Gesichtspunkten, haben in ihrem Leben verschiedene Prioritäten und folglich nehmen sie die Umwelt ganz verschieden wahr.[14]
Einer der bekannten Theologen unserer Zeit bemerkte: „Die Barmherzigkeit des Allmächtigen verbindet sich mit dem Ergebnis des Menschengedanken insofern, wie seine Ziele gut und edel sind.“[15]
Der Allmächtige gibt den Menschen die Weite, und sie, die starrsinnigen, die mit einem oder mit beiden Augen blind sind, treiben sich selber und diejenigen, die ihnen folgen, in enge Rahmen der individuellen Denkweise hinein. Sie erkennen die Welt aus dem kleinen Fenster ihres Bewusstseins, das auch mit dem Körper beschränkt ist, der keinen Schritt aus dem Heimatdorf, aus der Heimatstadt, aus dem Heimatland gemacht hat.
Der fromme Mensch befreit sich vom Starrsinn und vom Fanatismus[16], findet sich im Leben und geht seinen Lebensweg, und er ist nur vor Allah und vor niemand anderem für die Rationalität und für die Ergebnisse seines Lebens verantwortlich.
Eine wichtige Nuance
„Der gläubige Mensch muss sich selber mit einer Null (einer Unendlichkeit) assoziieren. Was für eine Höhe er auch erreiche, wie er auch wirksam die Wissenschaft, die Kunst oder einen anderen Bereich des Lebens fördere, soll er dies nicht mit seiner Persönlichkeit verbinden, sondern soll er dies nur mit dem Segen und der Barmherzigkeit des Schöpfers verbinden“, sagte unser anderer Zeitgenosse.[17]
Bei solch einem Herangehen wird ein minimaler Widerstand geleistet, und der Mensch kann eigentlich Weltraumgeschwindigkeiten im Guten und Gerechten erreichen. Glauben Sie, das ist wirklich so. Schauen Sie auf die Biographien der Großen, versuchen Sie, die Beschreibungen ihres psychologischen Herangehens zum Leben zu finden. Sie bildeten sich nicht ein, große Personen zu sein, sie machten sich nicht wichtig, sie prophezeiten ihren Werken und wissenschaftlichen Errungenschaften keine große Zukunft. Viele von ihnen starben im Elend und ohne irgendwelche Anerkennung, aber wie vieles haben sie (nach dem Segen des Allmächtigen) zum Wohlergehen der Menschheit, zu einer intellektuellen und kulturellen Entwicklung der Gesellschaft gelassen.
„Ich bin nur ein Wanderer, der unter dem Baumschatten stehen geblieben ist, um nach einer Weile ihn zu verlassen“, sagte der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) und zeigte somit seine Stelle, seine Wichtigkeit als einen Menschen, seine Rolle in der Weltlichkeit.[18]
Setzten Sie sich beliebige große Ziele, und es helfe Ihnen Ihre Frömmigkeit, diese Ziele zu erreichen. Das Leben mit dem Nachlass von Propheten und Gelehrten ist ein riesiges uferloses Meer mit reinem Wasser und reichen Bodenschätzen. Man kann es nicht umfassen, hinüberschwimmen, bis zum Ende erlernen, alles probieren… Ja, man kann in seinem Wasserwirbel ertrinken… Aber! Man kann zugleich lernen zu schwimmen, in wunderbare Tiefen hinab zu tauchen und in die Höhe zu streben, die Schönheit des Daseins genießend. Wenn Sie erlernen, anzuschauen, seien Sie nicht entsetzt über den Überfluss dieser Schätze, sondern bewundern Sie und nehmen Sie, was Sie brauchen, und verwenden Sie es in Ihrem eigenen (!) Leben. Das ist unser Startkapital, das sich vielfach vergrößern kann, wenn es mit unseren eigenen Kräften, Kenntnissen, Ideen, mit unserer Standhaftigkeit, Beharrlichkeit und mit unseren Möglichkeiten vereinigt wird. Wenn wir das alles vereinigen, das alles zu einer Einheit verschmelzen, werden wir das Geschmack des Lebens fühlen und uns dem weltlichen und ewigen Glück nähern.
Deshalb nehmen Sie, was Sie brauchen, und verwenden Sie es, einen besonderen Akzent auf die Entwicklung und die Aufbewahrung Ihrer moralischen Eigenschaften und auf Ihre obligatorische religiöse Praxis legend.
Wollen wir ein Gleichnis anführen, das einigen von uns helfen wird, uns in ihren Gefühlen und Eindrücken nicht zu verirren, den Weg des Gedankenlaufs abzukürzen.
Einmal besuchte der Gebietsherrscher einen Lehrer, der auf im dichten Laub eines Baums saß und meditierte[19]. Der Herrscher besichtigte seine Stelle und sagte:
„Du hast ja eine gefährliche Stelle da auf dem Baum!“
„Deine ist viel schlimmer als meine“, erwiderte der Lehrer.
„Ich bin Herrscher dieses Gebiets und verstehe nicht, was für eine Gefahr mir droht.“
„Das bedeutet, dass du dich selber nicht kennst! Wenn du deine Leidenschaften überwindest und wenn dein Bewusstsein die Standhaftigkeit verliert, was kann gefährlicher sein als dies?“
Da fragte der Herrscher:
„Was ist der Sinn deiner Lehre?“
Der Lehrer sprach bekannte Worte:
„Nichts Böses zu tun[20], das Gute zu verwenden[21] und das Herz rein aufzubewahren[22].“
Der Herrscher erwiderte aber:
„Das weiß ja ein jedes dreijährige Kind!“
„Kann sein, dass ein jedes dreijährige Kind das weiß, aber es ist sogar für einen achtzigjährigen Greis schwierig, dies in die Tat umzusetzen.“
Ibn Abu Scheyba ist einer der Ersten, der begann, Aussagen und Handlungen des Propheten, seiner Gefährten und von Menschen der ersten Generation nach dem Propheten (tabi‘un) wissenschaftlich zu sammeln und zu systematisieren. Seine Erfahrungen und Kenntnisse übernahmen solche Gelehrten-Muhaddithe, wie al-Buchari, Muslim, Abu Dawud, Ibn Madscha, al-Baghawi und viele andere. Hadith-Sammlung von Abu Scheyba ist ein wichtiger Bestandteil einer jeden moslemischen Wissenschaftsbibliothek.
„Fanatismus ist die Verdopplung der Mühe beim gleichzeitigen Verlust des Zieles.“ Santayana.
„Fanatismus ist eine Art Verrücktheit, die die Fülle der Wahrheit nicht umfassen kann“. Berdjajew.
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