Die Welt Der Seele
Tawba. Reue
Die Reue ist das, womit der Gläubige seinen Tag beginnt, was ihn nie verlässt und was zu einem unabdingbaren Teil seines Lebens wird.[1]
Dieser Begriff ist unter den Menschen sehr verbreitet und wird oft verwendet. Vielleicht gerade deswegen sind sein Wert und seine Wichtigkeit im Gewühl leeren Geschwätzes und mündlicher, nicht seelischer Reuen einigermaßen verschwunden.
Einer unserer Zeitgenossen bemerkte interessanterweise: „Wenn ein Mensch sagt, dass er einen Palast gebaut hat oder ein Buch geschrieben hat, so heißt das denn, dass er leeres Stroh drischt? Natürlich nicht. Aber es ist leichter, einen wunderschönen Palast zu errichten, als eine verwüstete und zerstörte Seele wiederaufzubauen. Es ist leichter, ein wertvolles Buch zu schreiben, als eine von Leichtsinn und Sorglosigkeit geprägte Seele wiederherzustellen. Die Reue ist ein wichtiger Bestandteil im Aufbau der Seele. Deshalb ist es seltsam und verwunderlich, dass Menschen über die Reue ohne entsprechende Aufmerksamkeit und nicht bewusst reden.“
Aus dem Gesichtspunkt der moslemischen Ethik verlangt die Reue von jedem bestimmte Bemühungen. Niemand wird anstatt uns bereuen.
„O ihr, die ihr glaubt! Wendet euch in aufrichtiger Reue zu Allah (zum Herrn der Welten, zum Erschaffer allen Seins).“[2] Das heißt, der Mensch soll mit seiner Seelenreinheit und seiner Aufrichtigkeit für die anderen ein Vorbild sein.
Man fragte bei Imam ‘Ali über den Sinn der Reue. Er (Allahs Wohlgefallen auf ihm) antwortete: „Sie (die Reue) hat sechs Bestandteile:
1) die Reue über die früher begangenen Sünden;
2) die Ergänzung der versäumten Pflichttaten;
3) die Entschädigung für Kränkungen und den Schaden, der anderen zugefügt wurde;
4) das Erbitten der Vergebung der Menschen, mit denen man früher gestritten hat oder feindlich gesinnt war;
5) eine Absicht, von nun an die Fehler und die Versündigungen nicht zu wiederholen;
6) die Erziehung seiner eigenen Persönlichkeit in der Demut vor dem Allmächtigen, so wie man sich früher in Sünden erzogen hat.“[3] Zum Beispiel, hat ein Mensch bei sich eine schlechte Gewohnheit oder eine sündhafte Eigenschaft entwickelt. Er ist einen bestimmten Weg gegangen, wodurch diese Eigenschaft zu seiner Gewohnheit wurde. Und jetzt, wenn sich der Mensch zum Besten ändert, soll er nicht nur „astaghfirulla“ sagen, sondern auch einen bestimmten Weg gehen, um sich zu ändern, um damit seine schlechte Eigenschaft zu einer guten umzuerziehen.
Man kann die Menschen nach ihrer bewussten Wahrnehmung der Reue, nach der Tiefe und nach der praktischen Form ihrer Reue in drei Kategorien teilen:
– Die erste Kategorie – diejenigen, die keinen Scharfsinn haben, welche die Folgen ihrer Taten, Handlungen oder irgendwelcher Ereignisse nicht fühlen. Eine Versündigung oder ein Fehler lassen in ihren Seelen ein bestimmtes negatives Nachgefühl entstehen. Um es zu entfernen und den ursprünglichen leichten Seelenzustand zurück zu gewinnen, sprechen sie Reueworte und streben mit ihren ganzen Seelen zu Allah, zum Allmächtigen Schöpfer, Dessen Vergebung in dieser Welt grenzenlos ist.
Der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) hat folgende Worte des Herrn der Welten übergeben:
„Der Schöpfer sagte: ,O Mensch! Solange du zu Mir [mit einem starken und aufrichtigen Wunsch um Vergebung] flehst und bittest, werde Ich dir trotz alledem vergeben! O Sohn Adams! Wenn auch deine Sünden wegen ihrer Vielzahl zum Himmel reichen werden, aber du wirst trotzdem bereuen und wirst Mich um Vergebung bitten, werde Ich dir trotz alledem vergeben! O Sohn Adams, sogar wenn du zu Mir mit so einer Anzahl deiner Fehler kommen wirst, die diese ganze Erde füllen können, aber du vor Mir als Anhänger der absoluten Einheit Gottes [und nach der Mission des Propheten Muhammad als Nachfolger der Vorschriften der letzten Göttlichen Offenbarung – des Heiligen Korans] erscheinen wirst, so werde ich dir ebensoviel Vergebung geben [das heißt, entsprechend der Anzahl deiner Fehler und Versündigungen]!‘ “[4]
Der Prophet verkündigte auch: „Satan rief: ,Ich schwöre bei Deiner Macht, o mein Herr! Ich werde die Menschen vom rechten Weg [der Gerechtigkeit und der Demut] abbringen [und sie in den Abgrund der Verzweiflung und des Irrtums treiben] und werde sie nicht in Ruhe lassen, solange ihre Seelen ihre Körper nicht verlassen [bis auf den letzten Augenblick ihres Lebens]!‘ Der Herr der Welten (Der weder in der Zeit noch im Raum beschränkt ist und alle und alles verwaltet) sagte: ,Ich schwöre bei Meiner Macht und Größe! Solange Mich die Menschen um Vergebung bitten werden [und die verübten Taten bereuen werden und das, was man bessern kann, bessern werden], werde Ich ihnen vergeben!‘ “[5]
– Zur zweiten Kategorie gehören scharfsinnige Menschen, die leicht analysieren können, was in ihren Seelen ist und was sie umgibt. Bei der mindesten Äußerung der Sorglosigkeit, des Leichtsinns, der geistigen Leere streben sie mit ihren Herzen zum Allmächtigen, zu Seiner Hilfe, beschwingt von der Sorge für die geistliche Reinheit. So bewahren sie die Wachsamkeit und den Scharfsinn.
Der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) sprach: „Wer seine Sünde bereut hat [wer sie auf dem Niveau seiner Seele, seines Verstandes und seines Körpers unwiderruflich gelassen hat], ähnelt dem, der [diese] Sünde nicht hat (der diese Sünde nie begangen hat). Wenn Allah jemanden liebt, so wird ihm seine Sünde [nach der aufrichtigen Reue] keinen Schaden bringen.“ Dann zitierte er: „Wahrlich, Allah liebt diejenigen, die sich (Ihm) reuevoll[6] zuwenden und die sich reinigen.“[7] Man fragte beim Propheten: „Was gehört zum Merkmal der Reue?“ Er (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) antwortete: „Das Bedauern [in der Seele und im Herzen].“[8]
– Die dritte Kategorie – „meine Augen schlafen, und mein Herz ist wach“.[9]
Dieses Niveau der Bestrebung zum Schöpfer und der Verbindung mit Ihm ist praktisch unerreichbar. Es war den Propheten und den Gesandten Allmächtigen Allahs eigen. Wurde es noch jemandem gegeben? Das weiß nur der Allmächtige.
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Die Reue ist ein heiliger Eid, der Mut und Wille des Bereuenden verlangt, um nicht gebrochen zu werden.
Der Gefährte des Propheten Muhammad, Ibn Mas‘ud, sagte: „Ein aufrichtiger Eid heißt es, wenn man nicht zu der Sünde zurückkehrt, die man bereut hat.“[10]
Der Gefährte des Propheten Muhammad, Dschabir ibn ‘Abdulla, sagte: „Der (aufrichtig) Bereuende (der seine Sünde auf immer gelassen hat) ist vor dem Allmächtigen (nach der Würde seiner Tat und seiner Belohnung) auf dem Niveau eines Märtyrers (der sein Leben für seinen Glauben, für seine Heimat geopfert hat).“[11]
Diejenigen, die sich in Worten vor der Hölle fürchten und dabei nicht aufhören zu sündigen; diejenigen, die über unbeschreibliche Schönheiten des Paradieses reden und mit edlen Taten geizen; die über die Liebe zum Allmächtigen und zu Seinem Gesandten stolz reden und dabei keinen Schritt zur Annäherung zum prophetischen Nachlass machen – diese Menschen haben keine ernsthaften Überzeugungen. Eine Reue ist für sie eine Pause, eine Rast in einem unendlichen Strom von Sünden und Fehlern. Es ist äußerst schwer, sie als aufrichtige zu bezeichnen. Dazu sind die Worte von Fudayl ibn ‘Iyad bemerkenswert: „Der ehrloseste Mensch (vor allem sich selber gegenüber) ist derjenige, der dieselbe Sünde zweimal begeht.“
Das Streben zum Schöpfer und das Flehen um die Vergebung sollen im Herzen eines jeden Moslems sein: „Und wendet euch allesamt reumütig Allah zu, o ihr Gläubigen!“[12]
In einem der Koran-Verse werden alle Menschen unter dem Gesichtspunkt der An- oder Abwesenheit des Reuegefühls in ihren Wesen in zwei Kategorien geteilt: „Und diejenigen, die nicht bereuen [die ihre begangenen Sünden und Fehler nicht bedauern], sind Dhalimun (Sünder, Unterdrücker, ungerechte und grausame Menschen).“[13] Das heißt, es gibt die Menschen, die ihre Fehler und Sünden bereuen, und diejenigen, die sündhaft, zu sich selber und zu anderen ungerecht und grausam sind. Und wenn bei jemandem das Gefühl der Reue vor dem Allmächtigen und des Bewusstseins seiner Sünde gestorben sind, so fühlt er nicht die wahre Lage seiner Angelegenheiten. Er ist weit vom Allmächtigen und unter den Leuten äußerst egoistisch. Sein Gewissen ist durch niedrige Gefühle und tierische Bedürfnisse gesperrt. Er nimmt auf die Menschen selten Rücksicht. Man kann alles von solch einem Menschen erwarten.
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Es ist wichtig, Folgendes zu bemerken: wenn der Mensch völlig zum Allmächtigen bestrebt ist und eine Einheit mit Seiner Barmherzigkeit und Seiner Macht fühlt, so bedeuten seine Worte „astaghfirulla“ (vergib mir, o Gott) keine Reue (Tawba). Er begeht Sünden nicht, um danach zu bereuen; aber er ist so zum Allmächtigen bestrebt und im Wesen seines Leben, in seinem Algorithmus scharfsinnig, dass für ihn die Worte „astaghfirulla“ zu einer Form der Festigung der Verbindung mit Allah und des Strebens zu Seiner Größe wurden. Es handelt sich eben darum im Hadith, laut dem der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) den Allmächtigen von 70 bis 100 Mal pro Tag um die Vergebung flehte, indem er mit der ganzen Weite und Tiefe seines Herzens die Worte „astaghfirulla“ (vergib mir, o Allah) aussprach.[14]
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Ein gläubiger Mensch ist immer in seinem Lebensweg sicher (er lebt bewusst), aber er kann nie bis zum Ende sicher sein, dass er eine volle Vergebung bekommt. Das lässt ihn, vor Allah zittern und beben, im Umgang mit Menschen wachsam zu sein, und dies wird folglich zu einem bestimmten Garanten seines weltlichen und ewigen Wohlergehens. Der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) betonte: „[Wie groß und edel eure Taten auch sein mögen], sie werden euch nicht retten [sie werden euch bestimmt angesichts eures weltlichen und ewigen Wohlergehens helfen, aber sie werden die Barmherzigkeit des Allmächtigen euch gegenüber und Seine Vergebung nicht garantieren].“ Die Gefährten fragten erstaunt: „Sogar dich auch, o Gesandter Gottes?“ – „Mich auch“, antwortete der Prophet, „außer nach der Barmherzigkeit Allahs (wenn Er mich damit umhüllt).“[15]
Der vernünftige, scharfsinnige und über ein bisschen Lebensweisheit verfügende Mensch versteht leicht, dass die ihn umgebenden Güter und sein Wohlstand nicht sind, was er verdient hat und bekommen soll, sondern sie sind das, was zeitweilig als Ergebnis seiner Bemühungen und Gottes Barmherzigkeit, Seines Segens unter seine Verwaltung und Führung gerät. Das betrifft das Weltliche. Lohnt es sich, über die Ewigkeit, über das Paradies zu sprechen, dessen Pracht mit Worten unbeschreiblich ist und mit dem Bewusstsein unvorstellbar ist?[16]
Für die echt gläubigen Menschen wird die Reue, eine leichte natürliche Reue und das Gefühl ihrer Minderwertigkeit[17] vor dem Herrn der Welten am Jüngsten Tag ein unabdingbarer Teil ihrer inneren Gefühle und ihrer äußeren Erscheinungen sein: „Ihr Licht [derer, die diesseits gläubig und geistig und intellektuell reich waren] wird vor ihnen hereilen und auf ihrer Rechten sein [wird ihnen den Weg zur Barmherzigkeit des Erschaffers, zum Paradies hell beleuchten]. Sie werden sagen: ,Unser Herr, mache unser Licht für uns vollkommen [hell] und vergib uns; denn Du hast Macht über alle Dinge [Du kannst alles tun was Du willst].‘ “[18]
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„Rabbi-ghfir wa-rham wa anta chayrur-rahimin“ – „Mein Herr, vergib (mir) und habe Erbarmen (mit mir); denn Du bist der beste Erbarmende [Du bist höher als alle und alles, die die Barmherzigkeit zeigen können].“[19]
Hadith von ‘Ayscha; Hadith-Sammlungen von Ahmad, al-Buchari, Muslim, Abu Dawud, an-Nasa‘i, at-Tirmidhi, al-Bayhaqi u.a., „sahih“; Hadith von Abu Hurayra; Hadith-Sammlungen von Ahmad und as-Suyuti (al-hasais), „hasan“. Siehe, z.B.: al-‘Askalani A. Fath al-bari bi scharh sahih al-buchari [Die Eröffnung vom Schöpfer (für Menschen im Verständnis des Neuen) durch die Kommentare zur Hadith-Sammlung al-Buchari]: In 18 B. Beirut: al-Fiqr, 1996, B.3, S.343, Hadith ¹1147; al-Buchari M. Sahih al-buchari [Hadith-Sammlung von Imam al-Buchari]: in 8 B. Istanbul: al-Maktaba al-islamiya, B.2, S.48, Kapitel ¹19, Hadith ¹16; an-Nawawi Y. Sahih muslim bi scharh an-nawawi [Hadith-Sammlung von Imam Muslim mit Kommentar von Imam an-Nawawi] In 10 B. Beirut: al-Kalam, 1987, B.3, S.263, Hadith ¹125-(738); al-Amir ‘Alaud-din al-Farisi (675-739 nach der Hidschra). Àl-ihsan fi taqrib sahih ibn habban [Edle Tat in der Annäherung (zu den Lesern) der Hadith-Sammlung von Ibn Habban]: In 18 B. Beirut: ar-Risala, 1991, B.6, S.186, 187, Hadith ¹2430, B.14, S.297, 298, Hadithe ¹¹6385, 6386.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Sure, die diesen Koran-Vers enthält, zu den Suren der medinensischen Periode gehört. Das heißt, dieser Aufruf wurde nicht an diejenigen gerichtet, die erst vor kurzer Zeit zu Gläubigen an den Einzigen und den Ewigen wurden, sondern zu den Moslems, die (in der mekkanischen und am Anfange der medinensischen Periode) durch schwierige Lebensprüfungen und Unterdrückungen durchgingen und eine Stabilität und eine Standhaftigkeit in ihrem Glauben und hohe Sitten erreichten. Siehe, z.B.: Ibn Kayim al-Daschwziya. Madaridsch as-salikin. B.1, S.184.
Siehe auch: Hadith-Sammlung von al-Buchari, Hadith ¹6307. Al-‘Askalani A. Fath al-bari bi scharh sahih al-buchari. B.12, S.379, Hadith ¹6307.
