Die Welt Der Seele

Muhasaba.

Eine Fähigkeit, vor sich Rechenschaft abzulegen, oder die Analyse der Seele

 

Der Gläubige legt vor sich Rechenschaft über seine verrichteten Taten und Handlungen periodisch (täglich, stündlich) ab: ob sie entweder gut oder schlecht, entweder sündhaft oder gerecht waren, ob er entweder leichtsinnig oder aufmerksam handelte. Der Moslem dankt dem Allmächtigen für gute Ergebnisse und wenn er seine eigenen Fehler und Vergehen bemerkt, so bittet er um Vergebung.

Dies bezieht sich auf seine äußerlichen Taten und Handlungen. Was die Welt der Seele betrifft, die sich nicht auf physische Gesetze beschränkt und deswegen umfangreich und mannigfaltig ist, so ist hier auch eine Muhasaba – eine innere Inspektion wichtig: ob man entweder eine Depression oder einen geistigen Aufschwung erlebt, ob man entweder eine Aufbietung der Geisteskräfte bewirkt, um die gestellten Ziele zu erreichen, oder eine Apathie, eine Schläfrigkeit fühlt, die eine nachlässige Arbeit zur Folge hat.

Die Fähigkeit, Mut zu fassen, verlangt von einem Menschen eine gewisse Aufmerksamkeit und eine Beharrlichkeit. Solch eine Konzentration, solche Bemühungen und das Denken in diese Richtung helfen dem Menschen, schneller und effektvoller seine Lebensziele zu verwirklichen, weil er einen richtigen Lebensweg blitzschnell, im Gehen bestimmt, ohne dabei überflüssige Stockungen eintreten zu lassen. Er unterscheidet das Schädliche vom Nützlichen, das Richtige vom Falschen leicht und schnell. Denn wenn der Mensch vernünftig lebt, fährt er nicht aus Gewohnheit hin und zurück (wie es oft im Leben geschieht: Haus – Dienststelle, Dienststelle – Haus). Jeder Tag ist eine neue und noch nicht durchgegangene Strecke. Die Erfahrungen aus dem Vergangenen, die Konzentration und die Aufmerksamkeit in der Gegenwart und auch die Bestrebtheit in die Zukunft sind für eine günstige und ergebnisvolle Fortbewegung im Leben äußerst wichtig.

Wenn der Mensch seine vergangenen Tage und den heutigen Tag periodisch analysiert und auch seinen morgigen Tag plant, fängt er an, seine Vorbestimmung, den Sinn seiner Existenz zu verstehen. Wenn der Gläubige eine strenge Inspektion seiner Seele und ihrer Empfindungen durchführt, geht er durch eine geistige Erneuerung durch und kommt näher zu Allah, dem Herrn der Welten.

Der zentrale Koran-Vers, der einen Menschen zur Muhasaba führt, ist folgender: „O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Allah [seid vor dem Allmächtigen fromm und gerecht, seid standhaft vor Sünden und Vergehen]. Und eine jede Seele schaue nach dem, was sie für morgen vorausschickt [sowohl für das Diesseits als auch für den Jüngsten Tag, für die Ewigkeit]!“[1] Wenn der Mensch diese Ermahnung mit seinem Herzen und mit seiner Seele empfindet, erwacht er mit seinem Verstand, öffnet seine Augen, richtet sich auf, beginnt, eine Nichtigkeit, eine heuchlerische Aktivität und ein Geschwätz von wichtigen Werken und Sorgen zu unterscheiden, sieht, was Schale und was Korn ist. „Wahrlich, diejenigen, die gottesfürchtig sind [die mit ihren Herzen und Edeltaten zum Allmächtigen bestrebt sind], wenn sie eine Heimsuchung durch Satan trifft [wenn sie einen Seelenschmerz erleiden oder wenn sie vom satanischen Flüstern bewältigt werden], so erwachen sie sofort [werden sie erneut wachsam, erinnern sich an den Allmächtigen und erstreben Seine Barmherzigkeit und Seine Bevormundung] – siehe, gleich werden sie sehend (scharf, scharfsinnig) [sie sehen die wahre Lage der Dinge, unterscheiden das Übel vom Guten, das Schädliche vom Nützlichen, eine Nichtigkeit von nützlichen und notwendigen Sachen].“[2]

Die Muhasaba in der Welt der Seele ähnelt einer Leuchte der Wahrheit und der Freiheit oder einem edlen herzlichen Prediger oder einem weisen Ratgeber. Übrigens ist diese Eigenschaft der verschworene Feind solcher satanischer Gefühle wie nagender Kummer und Verzweiflung.

Je erfahrener und scharfsinniger der Gläubige bei der Analyse und der Inspektion seiner inneren Welt, der Welt der Eindrücke, der Reaktionen und der Bestrebungen ist, desto mehr Fortschritt und Ergebnisse hat er heute im Unterschied zu gestern.

Eine objektive Analyse mit der Selbstkritik ist eine der Erscheinungsformen der Glaubensvollkommenheit. Der Mensch, der etwas Höheres und Vollkommenes erstrebt, kritisiert sich immer ehrlich, nimmt alles Neue, was die Grenzen seiner Vernunft überschreitet, mit Vorsicht an.

Der zu sich aufmerksame Moslem analysiert seine Handlungen und seine Taten im vergangenen Tag jeden Abend, zieht Konsequenzen und trägt nützliche Lehren davon. Am Morgen des nächsten Tages ist er durch einen Neustart und durch das Überdenken des Vergangenen erneuert, standhaft vor Sünden, begeistert mit neuen Aufgaben und voll von Bestrebungen.

Imam Schafi‘i hat geschrieben:

Wenn du vom frühen Morgen an standhaft vor Sünden bist

und fester Absicht bist, nicht zu sündigen,

und wenn du eine Angst vor der Strafe hast,

die die Sünder am Jüngsten Tag heimsuchen wird,

so sei sicher, dass du von deinem Beschützer

eine Vergebung bekommen hast,

und die Güter, die Er dir geben wird,

werden über den Rand laufen.[3]

 
 

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Eine objektive Analyse seiner Taten und Handlungen sowie eine Inspektion der seelischen Empfindungen und Eindrücke sind für diejenigen äußerst schwierig, die folgende drei Eigenschaften nicht besitzen:

-         das Licht der Weisheit;

-         die Fähigkeit, sich zu kritisieren[4];

-         die Fähigkeit, das Gute von der Versuchung zu unterscheiden.

 

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„Wenn du um den Mangel an Interesse und an Zustimmung von anderen Menschen Sorgen hast, wenn dich ihre Missbilligungen und ihr Tadel enttäuschen und einen seelischen Schmerz zufügen, wende dich an das Allwissen des Erschaffers. Wenn dich Sein vollkommenes Wissen über alle und alles beruhigt, so ist alles in Ordnung. Aber wenn dir das keinen Seelenfrieden bringt und keine Kräfte verleiht, so ist das im Unterschied zum ersten wirklich ein Problem, ein Unglück“, so weise bemerkte einer der moslemischen Theologen.[5]

Die Verbindung des Gläubigen mit dem Allmächtigen ist wichtiger, bedeutsamer als die mit Menschen. Eine menschliche Einschätzung der Richtigkeit oder der Fehlerhaftigkeit von irgendetwas ist noch kein endgültiges Urteil. Menschliche Meinungen sind gewöhnlich oberflächlich und voreilig. Stichfeste Schlussfolgerungen können nur nach einer ausführlichen Untersuchung gezogen werden.

Da eben das Menschengewissen der Kern seiner geistigeren Wiedergeburt und seiner Erneuerung ist, und da das Endziel des Menschen die Erstrebung der Zufriedenheit des Allmächtigen mit ihm ist, legt der Moslem keinen besonderen Wert darauf, wie Menschen mit ihm umgehen, es macht ihm keine Sorgen, ob sie mit ihm oder gegen ihn sind.

Natürlich lebt der Mensch in einer engen Wechselbeziehung mit der Gesellschaft, ob er dies wünscht oder nicht. Die Kritik oder das Lob können ihm nicht vollkommen gleichgültig sein. Aber ein echter Edelmut ist, wenn man keine Anerkennung hört und mit seinem Geist trotzdem nicht schwächer wird und deswegen seine Geschwindigkeit nicht verlangsamt.

Zweifellos kann und manchmal auch soll der Gläubige sich gegen eine unbegründete Kritik verteidigen und gegen den Schaden von bösen Zungen Vorsichtsmassnahmen treffen. Aber er soll dabei Edelmut und ein musterhaftes Verhalten bewahren.

 

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Kann sich der Mensch über seine weltlichen (geistigen oder materiellen) Errungenschaften freuen? Ja, er kann, falls er dabei vor dem Allmächtigen aufrichtig bleibt und falls er fähig ist, sein Herz vor einer Beimischung von Heuchelei, Selbstbegeisterung und Selbstbewunderung zu bewahren. Einmal fragten die Gefährten des Propheten (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) bei ihm nach über das angenehme Gefühl, das in der Seele nach einer positiven Einschätzung von Menschen nach aufrichtig vollzogenen Taten entsteht. Der Gottesgesandte antwortete: „Das ist eine freudige Botschaft [vom Allmächtigen] für einen Gläubigen.“[6] Im Heiligen Koran ist gesagt: „Diejenigen, die da glauben und rechtschaffen sind: für sie ist die frohe Botschaft im diesseitigen Leben sowie im Jenseits (bestimmt). Unabänderlich sind Allahs Worte [Versprechen] – das [die frohe Botschaft im diesseitigen Leben sowie im Jenseits] ist wahrlich der gewaltige Gewinn [da das von ihnen Erworbene, das Ergebnis eines standhaften und unerschütterlichen Glaubens, der Arbeit an sich, der Aufrichtigkeit der edlen Taten und Handlungen ist].“[7]

Die Arbeit an sich ist ein komplizierter Prozess, ein schwerer Weg. Auf seine Aufrichtigkeit aufzupassen, Fehler, Fehlgriffe oder Irrtümer gleich im Moment ihrer Erscheinung auf dem Horizont des Denkens zu fühlen, sich mit seinem ganzen Wesen zu Allah zu ergeben und um Seine Barmherzigkeit und um Seine Vergebung zu bitten, gleichgültig das zu empfinden, was man über dich denkt und spricht, und immer maximal aktiv und anderen nützlich zu sein, ist gar nicht leicht, aber unbeschreiblich hoch und würdig. Der Glaube führt zu diesen Gipfeln. Die Muhasaba, die Fähigkeit, seinen Taten und Handlungen eine objektive Rechenschaft abzulegen, hilft dabei, da sie von der Last von nichtsnutzigen Fehlern, negativen Eindrücken und nutzlosen Werken befreit.

Ja… Wie schwach wir sind, aber wie majestätisch die Größe und wie grenzenlos die Barmherzigkeit des Herrn der Welten, Allahs, des Heiligen und des Großen, ist!

 
 
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„O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Allah [seid fromm und gerecht vor dem Allmächtigen, standhaft vor Sünden und Vergehen]. Und eine jede Seele [die Seele eines jeden von euch] schaue nach dem, was sie für morgen [sowohl für das Diesseits als auch für das Jüngste Gericht, für die Ewigkeit] vorausschickt! Und seid fromm. Wahrlich, Allah ist dessen wohl kundig, was ihr tut. Und [zu eueren Gunsten] seid nicht wie jene, die Allah vergaßen [Seine Vorschriften, die Grenzen der Gerechtigkeit und der Richtigkeit, die Er in der Heiligen Schrift bestimmt hat] und die Er darum ihre eigenen Seelen vergessen ließ [sie verloren ihre Lebensziele, Lebenswerte und wurden den von ihren Ankern gerissenen Schiffen ähnlich, die von wilden Winden in illusorische Vergnügungsbuchten gebracht werden oder von stürmischen Wellen des grenzenlosen Meeres des Lebens an die Ufer der Missgeschicke, der Müdigkeit, der Mutlosigkeit und des Unglaubens geschlagen werden]. Solche Menschen [die den Erschaffer vergessen haben] sind die offenbaren Frevler.“[8]

Der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) sprach: „Die besten von euch sind jene, die das Ewige wegen des Diesseits sowie das Diesseits wegen des Ewigen nicht [außer Acht] lassen. Jene, die für die Anderen keine Bürde sind [die das schmarotzerhafte Leben nicht führen].“[9] Mit diesen Worten ruft der Gesandte des Allmächtigen die Menschen zur goldenen Mitte ihrer Existenz – zum Glück und zum Wohl im diesseitigen Leben und in der Ewigkeit (worin einer der Hauptsinne seiner Mission besteht). Und dies ist das Ergebnis von persönlichen Bemühungen, der Aktivität und des Gottessegens, der Barmherzigkeit des Erschaffers.

Der allmächtige Allah schenke uns und unsere Nachkommen Seine Gnade und segne uns, damit wir besser werden. Amin.

 


[1] Siehe: den Heiligen Koran, 59:18.
[2] Siehe: den Heiligen Koran, 7:201. Sieh auch: az-Zuhayli W. At-tafsir al-munir [Das erhellende Tafsir]: in 32 B. Damaskus: al-Fiqr, 1991, B.9, S.216.
[3] Siehe: Ihsan ‘Abbas. Diwan asch-schafi‘i [Die Gedichtsammlung von Imam asch-Schafi‘i]. Beirut: Sadir, 1996, S.24.
[4] Ein echter Gläubiger sucht Fehler nur in sich selbst. Dies ist vielmals in Koran-Versen und in Hadithen des Propheten (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) erwähnt.
[5] Siehe: al-Ghazali M. (unser Zeitgenosse). Al-dschanib al-‘atifi min al-islam. [Die sinnliche Seite des Islams]. Iskandaria: ad-Da‘wa, 2001, S.132.
[6] Hadith von Abu Dharr, Hadith-Sammlungen von Ahmad, Muslim, Ibn Madscha und al-Baghawi. Sieh, z.B., an-Nawawi Y. Sahih muslim bi scharh an-nawawi [Hadith-Sammlung von Imam Muslim mit Kommentar von Imam an-Nawawi] In 10 B., Beirut: al-Kalam, 1987, B.8, S.428, Hadith ¹166 (2642); al-Mundhiri Z. Muchtasar sahih muslim [Kurze Hadith-Sammlung von Imam Muslim]. Beirut: al-Yamama, 1996, S.154, Hadith ¹500; al-Amir ‘Alaud-din al-Farisi. Àl-ihsan fi taqrib sahih ibn habban [Edle Tat in der Annäherung (zu den Lesern) der Hadith-Sammlung von Ibn Habban]: In 18 B. Beirut: ar-Risala, 1991, B.13, S.82, , Hadith ¹5768, „sahih“.
[7] Siehe: den Heiligen Koran, 10:63,64. Sieh auch: az-Zuhayli W. At-tafsir al-munir. B.11, S.210-214.
[8] Siehe: den Heiligen Koran, 59:18,19.
[9] Hadith von Anas ibn Malik; ist im Werk von al-Chatib al-Baghdadi u.a. angeführt. Siehe: as-Suyuti Dsch. Al-dschami‘ as-saghir [Die kleine Sammlung]. Beirut: Al-Kutub al-‘ilmiya, 1990, S.250, Hadith ¹4112, „sahih“; Zaghlul M. Mawsu‘a atraf al-hadith an-nabawi asch-scharif [Enzyklopädie der Grundlagen der edlen prophetischen Äußerungen]: in 11 B. Beirut: al-Fiqr, 1994, B.4, S.663; al-Chatib al-Baghdadi A. Tarick Baghdad [Die Geschichte von Bagdad]: In 19 B., Beirut: al-Kutub al-‘ilmiya, B.4, S.221; al-Muttaqi A. Kanz al-‘ummal [die Vorratskammer der Arbeiter]: in 18 B. Beirut: ar-Risala, 1985, B.3, S.238, Hadithe ¹¹6334, 6336.
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