Die Welt Der Seele
Das Leben, seine Brüchigkeit und sein Wert
Tragische Ereignisse, die in 2004 in der Welt geschahen, insbesondere bei uns, in Russland, fallen als eine schwere Last der Trauer auf unsere Seelen. Die Handlungen derjenigen, die zu ihrer Zielerreichung Lüge, Doppeltstandarte, Gewalt, Rache und Terror verwenden, diskreditieren ganze Staaten, dienen der Abwertung der Postulate, die für alle Gläubige heilig sind, verschlimmern die ohnedies nicht einfache Lage von Moslems in der Welt. Der Islam setzt die Rechtmäßigkeit und die Erlaubtheit nicht nur der Ziele voraus, sondern auch der Wege, die zu ihnen führen. Widrigenfalls, wenn sogar das Ziel als gerecht erscheint, erwartet diejenigen, die zur Zielerrechung ungestattete Mittel und Methoden verwenden, eine harte Strafe für ihre Sünden.
Die Entwicklung eines Menschen ist dem Keimen eines Samens gleich, in den der Allmächtige Allah eine Vielzahl der potenziellen Möglichkeiten gelegt hat. Zum Beispiel, wenn der Samen nicht in einen guten Boden fällt oder von verschiedenen negativen Faktoren beeinflusst wird, so verfault er oder verschwindet er spurlos. Wenn er eine günstige Umwelt findet, so, nachdem er bestimmte Phasen durchgeht, verwandelt er sich in eine schöne Pflanze oder in einen fruchtbringenden Baum. Ähnlich legte der Allmächtige Schöpfer in jeden Menschen eine unbeschreibliche Menge von Fähigkeiten und Möglichkeiten. Und falls man Samen dieser Möglichkeiten in den Boden der Moral und der geistigen Werte sät und mit dem Glauben und der Anbetung begießt, so wird ein wunderschöner Baum wachsen, dessen Zweige sich in die Ewigkeit entwickeln. In diesem Leben werden Tugend und hohe Sitten zu seinen Früchten und im künftigen Leben – zu einer unendlichen Wonne und zum Glück.
Das Milieu, die Umgebung, die Atmosphäre hinterlassen unauslöschliche Spuren in der Weltanschauung jedes Menschen. Nicht umsonst wird in einem Hadith die Wichtigkeit der Auswahl eines richtigen Verkehrskreises betont. Der Prophet (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) sprach: „Ein jeder Mensch hat den Glauben seines nahen Freunds. Soll jedermann sehen, mit wem er enge freundliche Beziehungen hat!“[1]
Das Leben! Bedauerlich ist es, dass manche Menschen keine Ahnung von der Bedeutung haben, die der Koran dem Wert des Menschenlebens verleiht. Der Allmächtige Allah stellt in Seinem abschließenden Schreiben das Töten eines Menschen dem Töten der ganzen Menschheit gleich, und umgekehrt, stellt Er das Beleben[2] eines Menschen dem Beleben der ganzen Menschheit gleich.
Niemand hat Recht, das Leben eines Menschen einer Gefahr auszusetzen, insbesondere wenn in seinem Herzen der Glaube an den Allsehenden und Allwissenden ist. Das Gesetz des Allmächtigen heißt: „Keine Seele soll die Sündenlast einer anderen tragen.“[3] Koranische Postulate auf die Ereignisse der letzten Jahre projizierend, wollen wir uns eine Frage stellen: warum stellen sich einige Persönlichkeiten höher als der Allmächtige und Seine Gesetze, während sie ihre eigenen Regeln bestimmen? Auf welche Postulate und Kanons stützen sie sich, während sie Gewaltakte an unschuldigen Menschen anrichten?
Man muss deutlich begreifen, dass absolut jedermann für seine Taten Verantwortung tragen wird. Böses ruft nur Böses hervor. Unser Vorbild ist der Prophet Muhammad. Im Leben des Gottesgesandten finden wir nichts, was Taten derjenigen rechtfertigen kann, die anderen Menschen Weh und Trauer zufügen.
Die Welt ist von Kriegen, Feindlichkeit und Reibereien müde. Heutzutage braucht sie Frieden, Barmherzigkeit und Ruhe wie nie zuvor. Es gibt so viel Gemeinsames zwischen Menschen, warum denn finden wir nicht Wege der Vereinigung und versuchen nicht, sie zu finden? Jedermann hat ja in sich etwas Gutes, was ein anderer nicht hat. Warum kann man nicht versuchen, das Gute im zwischenmenschlichen Verkehr zu ziehen?
Es gibt eine Menge Schwierigkeiten und Probleme auf unserem Weg. Schade, dass sie von jemandem manchmal künstlich geschaffen werden, der, wahrscheinlich, eigennützige Ziele verfolgt oder unter den satanischen Einfluss geraten ist. Wenn wir ständig auf diese Probleme aufmerksam machen, werden wir keinen Schritt vorwärts gehen. Wir können dann im Abgrund der Niedergeschlagenheit und der Hoffnungslosigkeit ertrinken, Orientierung im Labyrinth von geistigen Unruhen und Ängsten verlieren. Wir müssen uns hohe Ziele setzen und sie anstreben und dabei nicht vergessen, dass das höchste Ziel das Erreichen der Wohlzufriedenheit unseres Schöpfers ist. Der Mensch soll sich ständig die Frage stellen: „Ruft meine beabsichtigte Handlung die Wohlzufriedenheit des Schöpfers oder, umgekehrt, seinen Zorn hervor?“
Man erzählt, dass unter den Gefährten des Propheten zwei Menschen waren, die sich nach dem Treffen nicht trennten, solange einer von ihnen dem anderen die Sure „al-‘Asr“ nicht vorliest.[4] Wollen wir auch zum Schluss diese Sure lesen, diesem guten Vorbild folgend: „Ich schwöre beim Nachmittag! [Jeder] Mensch ist wahrlich im Verlust, außer denjenigen, die glauben und gute Werke tun und sich gegenseitig die Wahrheit ans Herz legen und sich gegenseitig zur Geduld anhalten.“
Der Glaube, gute Taten, das Bestreben, ein Vorbild für andere in der Wahrheit und in der Geduld zu sein, garantieren unser Wohlergehen in beiden Welten. Schauen Sie, dass hier mit dem Glauben und guten Taten die Geduld betont wird. Wir leben heutzutage in einer schweren Periode, wollen wir uns mit dieser Eigenschaft versorgen, damit der Allmächtige sie für uns und für die künftigen Generationen zur Brücke zum Besten macht.
Imam der Moskauer Gedenkmoschee Ildar Aljautdinow.
Dezember 2004.
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