Die Welt Der Seele

Chuluq. Die Sittlichkeit

„Und du (o Muhammad) verfügst wahrlich über großartige Tugendeigenschaften [das heißt, der allmächtige Schöpfer hat in dich großartige Tugendeigenschaften als einen unabdingbaren Teil deines Wesens gelegt].“[1]

Der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) betonte: „Wahrlich ist der Hauptbestandteil und das Hauptziel meiner prophetischen Mission die Vervollkommnung von guten Sitten.“[2]

„Die Besten von euch sind diejenigen, die die besten moralisch-sittlichen Eigenschaften haben.“[3]

„Die Gläubigen, die die besten Tugendeigenschaften haben, haben auch einen vollkommeneren Glauben.“[4]

„Wahrlich könnt ihr niemanden mit eurem Reichtum erobern [auf eure Seite ziehen], aber [ihr könnt dies] mit eurer Offenheit und eurer hohen Sittlichkeit [erreichen].“[5]

Wenn der Prophet Muhammad über hohe Sittlichkeit gefragt wurde, zitierte er [aus dem Koran]: „Übe Nachsicht und gebiete Gütigkeit und wende dich ab von den Unwissenden [schenke ihnen nicht deine Aufmerksamkeit, belaste dich nicht mit ihrer Feindseligkeit oder mit ihren groben Worten, wehre ihr Böses durch das Gute ab]“.[6] Er fügte dann hinzu: „[Hohe Sittlichkeit heißt es,] wenn du die Verbindung mit demjenigen wiederherstellst, der sie gebrochen hat [wenn du, zum Beispiel, Freundschafts- oder Verwandtschaftsbeziehungen mit denen wiederherstellst, die sie durch ihre eigene Initiative gebrochen haben]; wenn du demjenigen wohl tust, hilfst, der dich [früher] um etwas gebracht hat oder dir etwas nicht gegeben hat (dir nicht geholfen hat); wenn du demjenigen vergibst, der dich beleidigt oder unterdrückt hat.“[7]

Einmal wurde der Prophet Muhammad gefragt: „Was trägt am meisten dazu bei, dass der Mensch zu den Bewohnern des Paradieses wird?“ Er (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) antwortete: „Seine hohe Sittlichkeit.“[8]

Der Prophet Muhammad, der aus Barmherzigkeit für alle Welten entsandt wurde[9], betonte: „Hohe Sittlichkeit eines Gläubigen wird [am Jüngsten Tag] auf der Waageschale seiner guten Taten am schwersten sein. Und wahrlich sind grobe und ungezogene Menschen vom allmächtigen Allah verhasst.“[10]

Weise Worte von moslemischen Theologen, die die Anwendung dieser Hadithe in der Praxis erklären:

„Hohe Sittlichkeit (zusammen mit dem Glauben) ist die beste Eigenschaft eines Menschen. Der Wert und das Wesen eines Menschen werden eben dadurch bestimmt. Der Mensch kann seine Mängel vor anderen Menschen mit seinem Äußeren verbergen. Aber gerade seine Wohlerzogenheit und seine Sittlichkeit zeigen, wer er in der Tat ist.“

Ar-Razi[11] sprach: „Hohe Sittlichkeit heißt es, wenn du deine Taten gering bewertest (wie bedeutend sie nicht wären, das heißt, du verstehst, selbstkritisch zu sein), aber das, was von Ihm, dem Allmächtigen, gegeben wird, schätzt du am höchsten ein (das heißt, du schätzt Güter Gottes hoch und hältst sie für dich sehr wichtig).“

„Du bist sittsam, wenn du den Menschen nah bist, während du dich davon fernhältst, was unter ihnen geschieht (während du dich von Streit, Zankereien, Gerede usw. fernhältst).“

Man erzählt, dass Ibrahim ibn Adhham[12] einmal über eine Steppe ging. Er begegnete einem Soldaten, der ihn fragte: „Wo ist hier die nächste Ortschaft?“ Ibrahim ibn Adhham zeigte auf den Friedhof und bekam dafür einen Schlag über seinen Kopf und wurde mit unflätigen Worten überschüttet. Der Soldat ging weiter und begegnete bald Menschen, die ihm erklärten, wie grob er den bekannten Gerechten aus Chorasan behandelt hatte. Der Soldat verstand seinen Fehler, kehrte zurück und begann, sich zu entschuldigen, worauf er folgende Antwort bekam: „Nachdem du mich geschlagen hattest, erbat ich für dich beim Allmächtigen das Paradies.“ Der Soldat fragte erstaunt: „Warum denn?“ Ibrahim ibn Adhham antwortete: „Ich weiß Bescheid, dass mich Allah für diesen Schmerz mit dem Guten belohnen wird, deshalb wollte ich nicht, dass du dafür eine Strafe bekommen würdest.“

Man erzählt, dass der Prophet Moses einmal zum Allmächtigen flehte: „O mein Herr! Ich bitte Dich, dass mir Menschen das nicht zuschreiben werden, was mir nicht eigen ist (dass sie mich nicht verleumden).“ Darauf bekam der Gottesgesandte die Antwort: „Ich habe dies sogar für Mich nicht ausgenommen, wieso werde ich dies für dich tun?“ (Was nun die Menschen über den allmächtigen Allah, den Herrn der Welten, den Erschaffer allen Seins nicht sprechen! Aber ihre Zungen trocknen nicht aus und fallen nicht aus den Mündern solcher unerzogenen Menschen. Warum? Der Mensch hat einen Aufschub bis zu seinem Tod. Bis zu diesem Moment gibt Allah dem Menschen (nach Seiner Barmherzigkeit) eine Möglichkeit zu bereuen und sich zu bessern).

Al-Fudayl ibn ‘Iyad sprach: „Wirklich würde ich lieber einen wohlerzogenen Sünder als einen unerzogenen Gerechten unter meinen Gefährten haben.“

‘Abdulla ibn Mubarak beschrieb die Sittlichkeit so: „Ein gutmütiger, offener Blick, die volle Hingabe dem Guten und dem Gerechten (ma‘ruf) und den Anderen keinen Schmerz zufügen.“[13]

Sittlichkeit heißt es, wenn auf dich der (in deinem Leben, während eines Gesprächs, während eines Gebets) Nebenstehende keinen negativen Einfluss hat. Unerzogenheit heißt es, wenn deine Augen ihre Äußerung (die Äußerung der Unerzogenheit) immer in Anderen merken (nicht in dir selbst).[14]

Der Prophet Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm) sprach:

„Die Frömmigkeit und die erhabene Sittlichkeit werden am Jüngsten Tag auf der Waagschale der guten Taten am schwersten sein [das bedeutet, dass zum Beispiel die zehn Einheiten, die nach einer sittlichen, edlen Tat erworben wurden, viel schwerer sein werden, als die zehn Einheiten, die von Engeln nach einem Almosen oder nach dem Verrichten eines zusätzlichen Gebets geschrieben werden].”[15]

„Wahrlich werden die Besten von euch nach euren moralischen und sittlichen Eigenschaften zu den von mir am meisten geliebten und  mir am nahesten stehenden Menschen am Jüngsten Tag zählen.“[16]

Einmal baten einige Gefährten den Propheten Muhammad (Allahs Friede und Segen sei mit ihm), den Allmächtigen um das Verfluchen der Heiden anzuflehen. Der Gottesgesandte erwiderte darauf: „Der Herr entsandte mich aus Barmherzigkeit, nicht als Strafe.“

***

Eines der Bittgebete, mit dem der Moslem den Allmächtigen ständig anfleht, klingt so: „Allahumma, kama hassanta chalqi, fa hsin chuluqi“, oder „Allahumma, ahsin chuluqi, kama ahsanta chalqi“ (O Allah, vervollkommne meine Sittlichkeit, wie vollkommen Du mich erschaffen hast).[17] Amin.


[1] Siehe: den Heiligen Koran, 68:4.
[2] Es gibt drei Hadithe mit solch einem Sinn; Hadith-Sammlungen von al-Buchari (at-tarich), al-Buchari (al-adab al-mufrad), al-Hakim, al-Baihaqi u.a. Siehe, z.B., as-Suyuti Dsch. Al-dschami‘ as-saghir, S.155, Hadithe ¹2583, „sahih“, ¹2584 „sahih“, ¹2585 „hasan“.
[3] Hadith von ‘Abdulla ibn ‘Amr, Hadith-Sammlungen von Ahmad, al-Buchari, Muslim, at-Tirmidhi, al-Baihaqi u.a. Siehe, z.B., as-Suyuti Dsch. Al-dschami‘ as-saghir, S.243, Hadith ¹3984, „sahih“; al-Chatib al-Baghdadi A. Tarich Baghdad [Die Geschichte von Bagdad]: in 19 B., Beirut: al-Tutub al-‘ilmiya, B.2, S.316; al-Amir ‘Alaud-din al-Farisi. Àl-ihsan fi taqrib sahih ibn habban [Edle Tat in der Annäherung (zu den Lesern) der Hadith-Sammlung von Ibn Habban]: In 18 B. Beirut: ar-Risala, B.2, 1991, S.225, 226, Hadith ¹477, „sahih“.
[4] Hadith von Abu Hurayra, von ‘Ayscha; Hadith-Sammlungen von Ahmad, , at-Tirmidhi, Abu Dawud, Ibn Habban, al-Hakim u.a. Siehe, z.B.: Ahmad ibn Hanbal. Musnad [Hadith-Sammlung]: in 6 B., Beirut: al-Maktab al-islami, 1985, B.2, S.250; as-Suyuti Dsch. Al-dschami‘ as-saghir, S.88,89, Hadithe ¹¹1440 und 1441, beide „sahih“; al-Amir ‘Alaud-din al-Farisi. Àl-ihsan fi taqrib sahih ibn habban, B.2, S.227, Hadith ¹479, „hasan“.
[5] Zaghlul M. Mawsu‘a atraf al-hadith an-nabawi asch-scharif [Enzyklopädie der Grundlagen der edlen prophetischen Äußerungen]: in 11 B. Beirut: al-Fiqr, 1994, B.3, S.506; al-Haysami A. Mudschma‘ az-zawaid wa manba‘ al-fawaid; in 10 B., Kairo: al-Qudsi, B.8, S.22; al-Mundhiri Z. At-targhib wa at-tarhib min al-hadith asch-scharif [Antrieb (zum Guten) und Abhalten (vom Sündhaften) im prophetischen Nachlass]: in 4 B. Beirut: Ihya at-turath al-‘arabi, 1968, B.3, S.411.
[6] Siehe: az-Zuhayli W. At-tafsir al-munir [Das erhellende Tafsir]: in 32 B. Damaskus: al-Fiqr, 1991, B.9, S.217,218.
[7] Charun ‘A. Tahzib ihya ‘ulum ad-din [eine abgekürzte Variante des Buchs von Imam al-Ghazali „Das Wiederbeleben der Religionswissenschaften“]. Kairo: at-Tawzi‘ wa an-naschr al-islamiya, 1997, S.307; az-Zuhayli W. At-tafsir al-munir. B.9, S.218. Siehe auch: al-‘Askalani A. Fath al-bari bi scharh sahih al-buchari: In 18 B. B.9; S.195, Hadith ¹4642.
[8] Hadith von Abu Hurayra; Hadith-Sammlungen von Ahmad u.a. Siehe, z.B., Ahmad ibn Hanbal. Musnad [Hadith-Sammlung]: in 6 B. Beirut: al-Maktab al-islami, 1985, B.2, S.291.
[9] Siehe: den Heiligen Koran, 21:107.
[10] Hadith von Abu Darda’ und von Usama ibn Zayd; Hadith-Sammlungen von Ahmad, Abu Dawud, Ibn Abu Schayba, al-Buchari (al-adab al-mufrad), at-Tirmidhi u.a. Siehe, z.B., al-Amir ‘Alaud-din al-Farisi. Àl-ihsan fi taqrib sahih ibn habban. B.2, S.230, Hadith ¹481, „sahih“; as-Suyuti Dsch. Al-dschami‘ as-saghir. S.115, Hadith ¹1853; al-Qurtubi M. Al-Dschami‘ ahkam al-Qur’an [Die Sammlung der Errichtungen des Korans]: In 20 B. Beirut: al-Kutub al-‘ilmiya, 1988, B.18, S.149; al-Muttaqi A. Kanz al-‘ummal [die Vorratskammer der Arbeiter]: in 18 B. Beirut: ar-Risala, 1985, B.3, S.9, Hadithe ¹¹5175-5187.
[11] Abu Muhammad ‘Abdulla ibn Muhammad ar-Razi (gestorben in 353 nach der Hidschra) ist einer der Islamswissenschaftler. Er sprach: „Die Beredsamkeit ist den Gelehrten eigen. Die Fähigkeit, etwas mit Andeutungen zu erklären, ist den Weisen eigen. Und die Fähigkeit, etwas ohne Erwähntes zu erklären, ist sehr hoch“; „Du bist dann geduldig, wenn du nicht klagst und niemand (außer dem Allmächtigen) über deine Probleme weiß.“

Imam ar-Razi wurde einmal gefragt: „Es ist merkwürdig, warum Menschen ihrer Fehler kundig sind und nicht aufhören, sie zu begehen?“ Er antwortete: „Dies ist aus dem einfachen Grund, dass Menschen sich mehr ihrer Kenntnisse rühmen als sie in ihrem Leben verwenden. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf das Äußere gerichtet und sie beschäftigen sich nicht mit der Kultur und mit der Sittlichkeit ihrer inneren Welt. Gerade deswegen sind sie mit ihren Herzen blind und mit ihren Werken unpraktisch (beschränkt, faul).“ Siehe: al-Kuschayri A. (376-465 nach der Hischra). Ar-risala al-kuschayriya. Damaskus, 2000, S.19.

[12] Ibrahim ibn Adhham (gestorben etwa in 161 nach der Hidschra; in 778). Es wird das annähernde Jahr seines Todes angeführt, da dieser bekannte Gerechte immer unterwegs war. Er wuchs in einer sehr reichen Familie auf und einmal während einer Jagd dachte er über den Sinn des Lebens nach. Dies bewegte ihn, das sorglose und satte Leben im Elternhaus zu lassen und sich auf den Weg des Erwerbens der Kenntnisse zu machen. Ibrahim ibn Adhham wurde unter den Gelehrten seiner Zeit mit seiner Redegewandtheit bekannt. Der Gelehrte Sufyan as-Sawri, als er Ibrahim ibn Adhham unter seinen Zuhörern bemerkte, beeilte sich, seine Rede aus Achtung vor der Redegewandtheit und der Gelehrtheit dieses Gerechten zu beenden. Ibrahim ibn Adhham verdiente seinen Lebensunterhalt während der Ernte und mit der Wache der Gärten. Er war mit Sufyan as-Sawri und Fudayl ibn ‘Iyad gut bekannt. Siehe: az-Zirikli Ch. al-a‘lam. Qamus taradschim: in 8 B. Beirut: al-‘Ilm lil-malain, 1986, B.1, S.31; : al-Kuschayri A. Ar-risala al-kuschayriya, S.54-56.
[13] Siehe: al-Qurtubi M. Al-Dschami‘ ahkam al-Qur’an [Die Sammlung der Errichtungen des Korans]: In 20 B. Beirut: al-Kutub al-‘ilmiya, 1988, B.18, S.149.
[14] Siehe: al-Kuschayri A. Ar-risala al-kuschayriya, S.380-385.
[15] Hadith von Abu Darda’; Hadith-Sammlungen von Ahmad, at-Tirmidhi, Abu Dawud u.a. Siehe: al-Bagha M. Muchtasar sunan at-tirmidhu [Eine abgekürzte Variante der Hadith-Sammlung von at-Tirmidhi]. Beirut: al-Yamama, 1997, S.274, Hadithe ¹2003, „hasan sahih“, ¹¹2004, 2005 „sahih“.
[16] Hadith von Abu Sa’laba u.a.; Hadith-Sammlungen von Ahmad, at-Tabarani, al-Mundhiri, at-Tirmidhi u.a. Siehe, z.B.,: al-Bagha M. Muchtasar sunan at-tirmidhu. S.276, Hadith ¹2019, „hasan“; al-Amir ‘Alaud-din al-Farisi. Àl-ihsan fi taqrib sahih ibn habban, B.2, S.231, 232, Hadith ¹482, „sahih“.
[17] Hadith von Ibn Mas’ud; Hadith-Sammlung von Ahmad. Siehe: al-Banna À. (bekannt als as-Sa‘ati). Al-fath ar-rabbani tartib musnad al-imam ahmad ibn hanbal asch-schaibani [Die Eröffnung (die Hilfe) vom Herrn für die Regelung der Hadith-Sammlung von Ahmad ibn Hanbal asch-Schaibani]: In 12 B., 24 T. Beirut: Ihya at-turath al-‘arabi, B.7, T.14; S.281, Hadith ¹214; al-Muttaqi A. Kanz al-‘ummal. B.3, S.12, Hadith ¹5197.

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