Artikel

180 Minuten

Wir streben ständig zu einer gewissenen Bilanz, einer Harmonie, einem Gleichgewicht im Leben; wir schneiden scharfe Ecken des Daseins ab, weichen Schlaglöchern in Beziehungen aus, beschleunigen uns immer in Fragen der professionellen Entwicklung und des Verdienstes; bald suchen wir einen Ruheplatz vom Geistigen, Hochgelegenen, bald steuern wir fehlerhaft, ohne zu verstehen, ohne vorwärts zu schauen, und fallen – ein bohrender Schmerz durchzuckt den Körper, die Seele, die Vernunft – rosa Aussichten werden zunichte, alles verliert seinen Wert und seine Bedeutung, der Lebensgenuss geht verloren, und da denkt man: „Das ist wegen meiner Sünden”! – Aber das Leben ist majestätisch paradox, es sieht immer anders aus, als es von uns wahrgenommen wird, es entwischt ständig irgendwohin in die Ferne, indem es uns nur einen zauberhaften Schleier von Erinnerungen an vergangene Jahre lässt. Seine zwei Erscheinungsformen gehen ständig Hand in Hand: Freude und Bitternis, Trauer und Glück, Sieg und Niederlage. Das Leben ist gleichzeitig eine Art von Kampf, ein Spiel, eine erschöpfende Schlacht und ein begeisternder Tanz.

Schmerz, Bedauern, Gewissensbisse, Enttäuschung, Angst, Scham, Bitternis, Trauer, Verzweiflung – lass alles, blicke dich um und höre: „Ein beliebiger Mensch, der seinem Schöpfer ergeben ist – wenn ihn ein [physischer, seelischer] Schmerz trifft, sei es denn vom Stich einer Nadel (einer Schneide), und um so mehr von etwas Schlimmerem, so nimmt immer Gott vom [leidenden] Menschen durch diesen Schmerz seine Versündigungen und Vergehen weg, ebenso wie ein Baum seine alten Blätter abwirft”.[1] Also gibt es denn wohl niemanden,, der nicht einige überflüssige Kilogramm seiner Fehler abwerfen möchte, die sich in letzter Zeit angehäuft haben; doch wenn wir einen Schmerz empfinden, sind wir denn wirklich so dankbar, gerührt, und nehmen wir wirklich Verluste mit Freude wahr? Hier ist der Seelenzustand wichtig, wenn sie zumindest keine Unzufriedenheit und keine Empörung zeigt, jedoch mit jeder  ihrer Fasern Schmerz, Trauer umwandeln kann, indem sie  nicht nur Kilogramm, sondern Mengen von Sünden abwirft und dadurch ihre ursprüngliche feine Form, Schönheit der Plastik, Grazie und Kraft annimmt.

Jedermann macht Fehler, aber jedem ist sein Niveau von Fehlern, Möglichkeiten, Kräften, Einsichten, Potential eigen, und folglich stehen die Anforderungen an ihn auf dem entsprechenden Niveau. Gott sticht einen Menschen immer wieder einmal mit mannigfaltigen Nadeln des Lebens, um ihn mit einer Erfahrung zu bereichern, ihm Hintergründe des Lebens aufzuzeigen, ihn bewandert und scharfsinnig, weise und abgehärtet zu machen. Aber hier ist es sinnvoll, eine Frage zu stellen, ob ein Gläubiger in jeder Hinsicht erfolgreich sein kann, ohne durch einen stacheligen dornenreichen Lebensweg zu gehen. – Ja! Das ist die Fähigkeit, das Niveau zu erreichen, wenn man nach einem verübten Vergehen, einer Sünde keinen Schmerz, keine Leiden, keine Nachwirkungen fühlt, das ist eine Kunst, graziös zu leben, die Fertigkeit, verschiedene Wechselfälle des Lebens als einen üblichen Lebenskampf wahrzunehmen, indem man immer wieder zeigen muss, wozu man fähig ist, in welcher Form man ist. Indem man weiß, dass „wenn einer eine Sünde begeht, so schreibt sie der Engel im Laufe von drei Stunden (180 Minuten) nicht auf. Und wenn der Mensch im Laufe dieser Zeit seine Tat angesichts  Gottes vollkommen versteht und sie [mit etwas wirklich Gutem, Positivem] gutmacht, so wird die Sünde gegen diesen Menschen am Tag der Abrechnung nicht gewandt sein, und er wird dafür nicht gefragt“.[2]

Es lohnt sich, diese kurze Skizze von einem weiteren positiven, lebensbejahenden Hadith zusammenzufassen: „Für jedermann, der  Gott ergeben ist [, gilt folgendes]: Wenn ein Leiden seinen Körper trifft [ihn schwächt, ihn in Bewegung, in Aktivität beinschränkt], so befiehlt der Herrgott den Schutzengeln [dieses Menschen]: 'Solange er in meine Fesseln gefesselt ist, schreibt ihm für jeden Tag und jede Nacht soviel Gutes an, soviel er gewöhnlich getan hat, solange er gesund war'“.[3]

Wir lernen, mittels Glaubens aus dem Leben Nutzen zu ziehen. Während wir in der Weltlichkeit leben können, ohne dabei die Zukunft zu vergessen, bemühen wir uns, uns richtig in den  Schwierigkeiten des Lebens zu verhalten, indem wir diese Schwierigkeiten mit einer Anstrengung unseres Geistes in Gottessegen umwandeln, der unsere nachfolgenden Tage, die Weltlichkeit und die Ewigkeit wohlriechend umhüllt.


 

[1] Hadith von Ibn Mas‘ud; Hadith-Sammlung von al-Buchari und Muslim. Siehe, z.B.: as-Sujuty Dzh. Al-dzhami‘ as-sagyr [Die kleine Sammlung]. Beirut: Al-Kutub al-‘ilmijja, 1990, S. 495, Hadith ¹8097, “hasan”. 

[2] Die Engel, die unsere Vergehen aufschreiben, warten einige Zeit und notieren sie nicht. Der Prophet Muhammad (a.s.s.) sagte: „Wenn der Gläubige eine Sünde begeht, wartet der Engel [der sie aufschreibt] im Laufe von drei Stunden. Falls der Mensch bereut und  Gott um Entschuldigung bittet [und  alles Mögliche tut, um die Sünde zu berichtigen], wird das Vergehen annuliert und wird am Tag der Auferstehung nicht mehr  ein Grund für Qualen und der Leiden sein”.

[3] Siehe, z.B.: as-Sujuty Dzh. Al-dzhami‘ as-sagyr. S. 495, Hadith ¹8104, “sahih”; Zaglul M. Mawsu‘a atraf al-Hadith an-nabawi asch-scharif. B. 9, S. 289; al-Muttaqy A. Kjans al-‘ummal [die Vorratskammer der Arbeiter]: in 18 B. Beirut: ar-Risalah, 1985, B. 3, S. 304, Hadith ¹6668.

Umma.ru logo

Ask Imam


Send